Hast Du Dich jemals gefragt, wie wissenschaftliches Publizieren eigentlich funktioniert? Bekommen Forscher:innen Geld für ihre bahnbrechenden Veröffentlichungen? Und was genau versteckt sich hinter dem gruseligen Begriff „Raubverlage“?
In diesem Artikel der Reihe 7 questions tauchen wir in die verborgene Welt der Wissenschaftskommunikation ein. Wir klären die wichtigsten Fragen rund um Forschung, Journals und Mythen – kurz, prägnant und so aufbereitet, dass Du die Mechanismen hinter den Schlagzeilen endlich durchschaust.
#1 Wie kommt eine Studie vom Schreibtisch in die Öffentlichkeit?
Wissenschaftler:innen müssen ihre Ergebnisse teilen, damit sich wissenschaftliches Wissen verbreiten und die Gesellschaft davon profitieren kann. Dies geschieht in der Regel über Fachzeitschriften, die sogenannten Journals.
Dieser Weg von der Idee bis zum gedruckten Paper ist jedoch ein oft monatelanger, nervenaufreibender Marathon. Alles beginnt mit der Einreichung: Die Autor:innen wählen ein passendes Journal aus und formatieren ihr Manuskript exakt nach den strengen, oft auch eigenwilligen Richtlinien des Verlags1.
Darauf folgt die Phase der Revision, in der die verantwortlichen Journal-Editor:innen das sogenannte Peer-Review-Verfahren2 einleiten. Das Manuskript wird an unabhängige Fachkolleg:innen geschickt, die es detailliert prüfen. Was in der Theorie logisch klingt, ist in der Praxis oft frustrierend: Die Gutachter:innen fordern fast immer weitreichende Anpassungen. Manchmal verlangen sie völlig neue Experimente, zusätzliche statistische Auswertungen oder eine komplette Umstrukturierung der Argumentation.

Das Manuskript geht also zur Überarbeitung zurück an die Autor:innen – ein Prozess, der sich in mehreren Schleifen über Jahre hinziehen kann. Erst wenn alle kritischen Anmerkungen zur vollsten Zufriedenheit der Editor:innen und Gutachter:innen eingearbeitet wurden, wird das Manuskript offiziell angenommen. In der finalen Produktionsphase kümmern sich die Verlage schließlich um das Korrektorat, den Satz und das finale Layout, bevor die Studie der Weltöffentlichkeit präsentiert wird.
#2 Wie unterscheiden sich die Fachzeitschriften voneinander?
Grundsätzlich unterscheidet die wissenschaftliche Welt zwischen zwei großen Publikationsmodellen: Open Access und traditionellen Journals.
- Bei Open-Access-Zeitschriften sind die Forschungsergebnisse für jede:n frei im Internet verfügbar. Das demokratisiert das Wissen enorm. Egal ob Ärzt:in, Patient:in oder Studierende:r – jede:r kann die Originaldaten einsehen, ohne an institutionelle Zugänge gebunden zu sein.
- Traditionelle Journals hingegen arbeiten oft hinter einer strengen Bezahlschranke (paywall). Wer einen Artikel lesen möchte, muss entweder pro Text zweistellige Beträge zahlen oder über eine Universität verfügen, die teure Jahresabonnements abschließt. Diese traditionellen Zeitschriften sind historisch gewachsen und genießen in der akademischen Welt ein extrem hohes Prestige, schließen aber die breite Öffentlichkeit oft aus.
Aktuell befindet sich die gesamte Verlagsbranche in einem massiven Wandel. Sehr viele traditionelle Journale entwickeln sich zu hybriden Modellen: Sie bleiben grundsätzlich hinter der paywall, bieten den Autor:innen aber gegen einen saftigen Aufpreis die Möglichkeit, ihren spezifischen Artikel als Open Access freizukaufen.
#3 Was genau ist ein peer-reviewed Journal?
Die Überprüfung durch „Peers“ – also durch andere, unabhängige Expert:innen auf demselben Fachgebiet – ist das absolute Herzstück der wissenschaftlichen Qualitätssicherung. Es ist das System, das uns davor bewahrt, dass jede unbewiesene Behauptung als „wissenschaftlicher Fakt“ deklariert wird.
Die Gutachter:innen werden immer streng vertraulich von den Journal-Editor:innen ausgewählt. Sie agieren meist anonym (Single-Blind-Review) oder sogar doppelt anonymisiert (Double-Blind-Review), sodass weder die Autor:innen wissen, wer sie bewertet, noch die Gutachter:innen wissen, wessen Text sie vor sich haben. Das soll Befangenheit und Vetternwirtschaft verhindern.

Diese Expert:innen bewerten den wissenschaftlichen Wert, die Validität und die Originalität einer Studie auf Herz und Nieren. Sie prüfen ganz kritisch: Ist das Studiendesign überhaupt geeignet, um die Forschungsfrage zu beantworten? Wurden die Daten statistisch sauber ausgewertet, oder wurde hier getrickst? Und vor allem: Sind die Schlussfolgerungen der Autor:innen tatsächlich durch die Daten gedeckt, oder wird hier maßlos übertrieben?3
#4 Woran erkenne ich, ob ein Journal dieses Peer-Review-Verfahren nutzt?
Als aufmerksame:r Leser:in musst Du oft etwas Detektivarbeit leisten, denn nicht überall, wo „Wissenschaft“ draufsteht, ist auch geprüfte Qualität drin.
Der sicherste und transparenteste Weg ist ein genauer Blick auf die offizielle Webseite des jeweiligen Journals. Dort muss der Prozess der Manuskriptverarbeitung inklusive der genauen Peer-Review-Methodik klar, detailliert und nachvollziehbar beschrieben sein. Ein weiteres gutes Indiz findest Du oft direkt auf dem Paper selbst: Seriöse Journals drucken das Datum der ursprünglichen Einreichung („Received“) und das Datum der finalen Annahme („Accepted“) ab. Liegen dazwischen nur wenige Tage, ist ein echtes, kritisches Peer-Review-Verfahren praktisch unmöglich. Fehlt eine transparente Beschreibung auf der Webseite völlig, ist höchste Vorsicht geboten.

#5 Werden Forscher:innen für ihre Publikationen eigentlich bezahlt?
Das ist einer der größten und hartnäckigsten Mythen überhaupt! Es sorgt bei Außenstehenden immer wieder für ungläubiges Staunen: Wissenschaftler:innen bekommen keinen einzigen Cent für ihre veröffentlichten Texte.
Ganz im Gegenteil: Sie müssen sogar extrem tief in die Tasche greifen, um ihre eigene Forschung überhaupt veröffentlichen zu dürfen. Diese Publikationsgebühren sollen offiziell die Kosten für die Redaktion, die IT-Infrastruktur und das Management des Peer-Reviews decken.

In traditionellen Journals wird manchmal eine Gebühr pro gedruckter Seite fällig, oder Autor:innen müssen extra zahlen, wenn sie Grafiken in Farbe abdrucken lassen wollen. Richtig teuer wird es bei Open-Access-Journalen. Hier fällt in der Regel eine sogenannte Article Processing Charge (APC) an. Diese beträgt nicht selten 2.000 bis 5.000 Euro – pro Artikel! Das Geld stammt meist aus den knappen Budgets der Universitäten oder aus hart umkämpften Drittmitteln.
#6 Was hat es mit sogenannten „Raubverlagen“ auf sich?
In der akademischen Welt herrscht ein existenzieller Publikationsdruck. Wer akademisch aufsteigen oder Forschungsgelder einwerben will, muss publizieren – oft zusammengefasst unter dem geflügelten Wort „Publish or Perish“ (Publiziere oder gehe unter).
Sogenannte Predatory Publishers (Raubverlage) haben aus dieser Not ein millionenschweres Geschäftsmodell gemacht. Es handelt sich dabei um unseriöse Herausgeber:innen, die beinahe alles veröffentlichen, ohne die versprochenen redaktionellen Leistungen oder ein echtes, kritisches Peer-Review-Verfahren anzubieten – oft natürlich trotzdem zu horrenden Preisen.
Du erkennst diese schwarzen Schafe der Branche oft an ganz bestimmten Mustern. Sie betreiben extrem aggressive Werbung und fluten die E-Mail-Postfächer von Wissenschaftler:innen mit unaufgeforderten, oft geradezu absurd schmeichelhaften Nachrichten. Während ein seriöses Peer-Review Monate dauert, locken Raubverlage mit einer blitzschnellen Zusage innerhalb weniger Tage. Um Seriosität vorzutäuschen, kapern sie oft die Namen prominenter Wissenschaftler:innen und setzen diese ohne deren Wissen als Fake-Herausgeber:innen auf ihre Webseiten.
Da bei diesen Verlagen de facto keine Qualitätskontrolle stattfindet, ist das Resultat verheerend: Unzählige fehlerhafte oder schlichtweg pseudowissenschaftliche Studien landen im Netz und fließen teilweise sogar in die Berichterstattung unkritischer Medien ein. Um sich davor zu schützen, nutzen Profis Online-Datenbanken wie die Beall’s List, um verdächtige Portale zu identifizieren und zu meiden4.
#7 Kann man wissenschaftliche Qualität messbar machen?
Wenn es um die Bewertung von Forschung geht, fliegen Dir schnell verschiedene, scheinbar hochkomplexe Kennzahlen um die Ohren.
Impact Factor (IF)
Der Impact Factor (IF) spiegelt die Reichweite und Zitationshäufigkeit eines gesamten Journals wider. Er berechnet sich recht simpel aus dem Verhältnis der aktuellen Zitationen zu den in den letzten zwei Jahren in diesem Journal veröffentlichten Artikeln. Ein hoher IF bedeutet: Die Artikel in diesem Journal werden oft von anderen Forschenden zitiert. Der IF ist der absolute Platzhirsch, um akademisches Prestige abzubilden – aber er ist in Fachkreisen hochgradig umstritten. Das Problem: Oft treiben nur wenige, extrem häufig zitierte Artikel (meist große Übersichtsarbeiten) den Impact Factor eines Journals massiv nach oben. Ein durchschnittliches Paper in einem „hochrangigen“ Journal kann also selbst völlig unbedeutend sein, sonnt sich aber im Glanz der anderen. Gleichzeitig kann eine bahnbrechende Arbeit in einem kleineren Journal fälschlicherweise als unwichtig abgetan werden, wenn man nur auf das Logo des Verlags schaut.
h-Index
Der h-Index hingegen betrachtet nicht das Journal, sondern die individuelle Leistung einer wissenschaftlich tätigen Person. Er misst über die gesamte Karriere hinweg, wie produktiv jemand ist und wie oft die eigenen Publikationen zitiert werden. Ein h-Index von 20 bedeutet beispielsweise, dass ein:e Forscher:in 20 Artikel veröffentlicht hat, die jeweils mindestens 20-mal zitiert wurden.
Scientific Journal Ranking (SJR)
Ergänzend gibt es noch das SJR (Scientific Journal Ranking), welches versucht, die massiven Unterschiede zwischen verschiedenen Fachgebieten zu glätten. Zitationsraten variieren nämlich extrem: In der rasanten Biomedizin wird permanent und extrem schnell zitiert. In der reinen Mathematik oder den Geisteswissenschaften sind die Publikationszyklen viel länger. Ein scheinbar „niedriger“ IF in der Mathematik kann also eine absolute, weltweite Spitzenleistung bedeuten.
Mein Tipp für Deinen Alltag: Lass Dich nicht von großen Namen und elitären Kennzahlen blenden. Ein hoher Impact Factor ist ein klares Indiz für enorme Sichtbarkeit, aber er ist absolut kein Garant für die fehlerfreie Methodik oder die unumstößliche Wahrheit eines einzelnen Artikels. Schau immer auf das konkrete Studiendesign.
Der Perspektivwechsel: Das „Triple-Pay“-System der Wissenschaft
Wenn wir den Prozess des wissenschaftlichen Publizierens nüchtern und distanziert betrachten, müssen wir ein massives, systemisches Problem ansprechen. Das Peer-Review-Verfahren ist zwar unser bisher bester Filter für Qualität, aber das ökonomische Geschäftsmodell dahinter ist hochgradig zynisch und wird in der Fachwelt oft als das „Triple-Pay“-System bezeichnet5.
Dieses Modell ist einzigartig:
- Der Staat finanziert die Forschung.
- Der Staat finanziert die Qualitätskontrolle (die unbezahlte Arbeit der Forschenden während ihrer Dienstzeit).
- Der Staat kauft das Wissen über teure Bibliotheks-Abos zurück.

Wusstest Du, dass die großen Wissenschaftsverlage wie Elsevier (RELX Group) operative Gewinnmargen von rund 38 % erzielen? Das ist deutlich mehr als bei Tech-Giganten wie Apple oder Google6. Dieser Profit wird maßgeblich durch die unbezahlte Arbeit der Wissenschaftsgemeinschaft erwirtschaftet. Eine Studie schätzte den globalen Wert dieser kostenlosen Gutachter-Stunden auf über100 Millionen Stunden und 1.5 Milliarden Dollar (in 2020)7. Gleichzeitig verlangen Verlage für eine einzige Open-Access-Veröffentlichung in Top-Journalen wie Nature mittlerweile Gebühren von bis zu 10.000 €8.
Dieses System führt aktuell zu einer handfesten „Peer Review Crisis“9: Hochqualifizierte Expert:innen brennen unter dem ständigen Publikationsdruck aus und lehnen Anfragen zur Begutachtung immer häufiger ab, da die Arbeitslast schlicht nicht mehr tragbar ist. Wir dürfen wissenschaftliche Publikationen also nicht als unantastbare, heilige Schriften betrachten, sondern als Produkte eines von Menschen gemachten Marktes, der dringend reformiert und demokratisiert werden muss. Wissenschaftliche Integrität sollte nicht der Gewinnmaximierung einiger weniger Verlage dienen, sondern dem Fortschritt der gesamten Gesellschaft.
Referenzen
Disclaimer Statistik & Vereinfachung: Damit Du den Durchblick behältst, habe ich komplexe Begriffe vereinfacht erklärt. Die Texte sind daher nicht zu 100 % fachlich „streng“ formuliert, sondern auf maximale Verständlichkeit optimiert. Ziel ist Dein Wissenstransfer, nicht die nächste Uni-Prüfung!
Visualisierung: Gegebenenfalls enthaltene Infografiken wurden mithilfe von KI-gestützten Design-Tools erstellt und redaktionell finalisiert. Zur detaillierten Visualisierung von Inhalten wird Canva genutzt.
Recherche & Erstellung: Dieser Artikel entstand durch eine Kombination aus manueller Fachrecherche und der Deep Search Funktion von Gemini (Google). Während die KI eine effiziente Voranalyse großer Datenmengen ermöglicht, erfolgt die finale Auswahl, fachliche Prüfung und Interpretation der zentralen wissenschaftlichen Studien stets individuell durch die Redaktion. So stellen wir sicher, dass trotz der Sichtung zahlreicher Quellen nur die validesten Daten in den Text einfließen.
Fotomaterial: www.unsplash.com
Abgerufen am: 21.03.2026
- Elsevier (2024). Publishing Process. Elsevier Support Center. ↩︎
- Sense About Science (2012). Peer Review: the nuts and bolts. Sense About Science. ↩︎
- Sense About Science (2013). I don’t know what to believe: Making Sense of Science Stories. Sense About Science. ↩︎
- Beall, J. (2024). Beall’s List of Potential Predatory Journals and Publishers. Beall’s List. ↩︎
- Buranyi, S. (2017). Is the staggeringly profitable business of scientific publishing bad for science? The Guardian. ↩︎
- RELX (2025). Annual Report 2024: Strategic and Financial Report. RELX Group. ↩︎
- Aczel, B. (2021). A billion-dollar donation: estimating the cost of researchers’ time spent on peer review. Research Integrity and Peer Review. ↩︎
- Nature (2020). Nature journals announce first open-access agreement. Nature News. ↩︎
- Horta, H. & Jung, J. (2024). The crisis of peer review: Part of the evolution of science. Higher Education Quarterly. ↩︎


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